„Der Lärm der Zeit“ – Julian Barnes Roman über Dmitri Schostakowitsch

» Gepostet am 7 Apr, 2017 in Tipps | Keine Kommentare

„Der Lärm der Zeit“ – Julian Barnes Roman über Dmitri Schostakowitsch

Julian Barnes
„Der Lärm der Zeit“
Kiepenheuer & Witsch, 256 Seiten, € 20,-

„’Was konnte man dem Lärm der Zeit entgegensetzen? Nur die Musik, …, die sich wenn sie stark und wahr und rein genug ist, um den Lärm der Zeit zu übertönen, im Laufe der Jahrzehnte in das Flüstern der Geschichte verwandelt.‘ Dies ist nur ein Zitat aus dem Roman, aber es steht für einen Roman, der sprachlich gestochen und inhaltlich weltumfassend ist. Der großartige Erzähler Julian Barnes lässt den Leser erschauern, wenn er beschreibt, wie Schostakowitsch jede Nacht wieder rauchend und mit gepacktem Koffer auf dem Flur neben dem Aufzug steht, weil er seiner Familie den Anblick ersparen möchte, wenn er von Stalins Schergen abgeholt wird…. In einer Zeit, in der türkische Schriftsteller und Journalisten unschuldig im Gefängnis sitzen, ist dieses Buch schrecklich aktuell. Der Roman ist ein grausamer Lesegenuss, weil er so war ist und so gut geschrieben ist. Auch für nichtmusikaffine Leser sehr zu empfehlen.“ Sigrun Hintzen, April 2017

Und noch eine Rezension zu diesem Buch:
„Es gibt reichlich Literatur über Leben und Werk des russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch (1882-1971). Wer den Künstler und Menschen näher und intimer kennenlernen möchte, sollte diesen Roman lesen. Mit großem Einfühlungsvermögen, feiner Ironie und sprachlicher Präzision erzählt Julian Barnes anhand von drei Lebensabschnitten über einen Menschen, der sich mit der Macht arrangierte, um seine Musik, die ihm alles bedeutete, ausüben zu können. Nach anfänglichem Erfolg wird er, nachdem Stalin eine seiner Opern als „Chaos statt Musik“ verwarf, geächtet, seine Musik geschmäht. Im Ausland werden die Aufführungen bejubelt, aber zuhause lebt er in Todesangst vor Stalins Schergen. Schostakowitsch leistet Abbitte, macht Zugeständnisse, um in Ruhe gelassen zu werden. Aber die Anfeindungen, die Angst vor dem Terror bleiben, und er schafft es nur mit Finesse und kreativen Ausweichmanövern weiterzumachen. Barnes wirft die Frage auf, wie sehr man sich mit einer totalitären Macht einlassen kann, um künstlerisch weiterzuarbeiten. Ab wann macht man sich mitschuldig? Moralische Fragen die uns alle betreffen. Rechtfertigt die Hoffnung des Künstlers, dass es in der Zukunft nur um die Größe seines Werkes geht, die eigenen Schwächen und Unzulänglichkeiten, sein Arrangement mit der Macht? Barnes urteilt nicht, er zeigt die Widersprüchlichkeiten in Schostakowitsch´ Charakter, sein Wechsel zwischen Zweifel und Scham, Feigheit und Mut, Schwäche und großer Kraft, Demütigungen auszuhalten, um sein Werk fortführen zu können.“ (Barbara Klefisch)