„Lempi, das heißt Liebe“ – das Roman-Debüt von Minna Rytisalo

» Gepostet am 6 Aug, 2018 in Tipps | Keine Kommentare

„Lempi, das heißt Liebe“ – das Roman-Debüt von Minna Rytisalo

Minna Rytisalo
„Lempi, das heißt Liebe“
Carl Hanser Verlag
ISBN: 9783446260047
224 S., gebunden
€ 21,00

„Minna Rytisalo, geboren in Lappland, ist Finischlehrerin, Literaturbloggerin und Autorin. Man sollte sie sich merken. Ihr erster Roman „Lempi, das heißt Liebe“ (das heißt es wirklich, auf Altfinnisch) wurde in Finnland gleich mit Preisen ausgezeichnet. Darin erinnern sich drei Menschen an die Namensgeberin des Romans, die junge, anmutige, temperamentvolle, schöne Frau, in die sich der Bauer Viljami Hals über Kopf verliebt, und die ihn gerne heiratet und auf seinen Hof kommt. Dann muss Viljami in den Krieg, und als er zurückkommt, ist Lempi verschwunden. Nur diesen einen schönen, gemeinsamen Sommer hatten sie auf dem lappländischen Hof. Was geschehen ist, das entfaltet Minna Rytisalo sprachlich dicht, poetisch und von solch fesselnder Emotionalität, dass man das Buch nur ungern aus der Hand legt. Dies ist unbedingt einer meiner Sommerfavoriten unter den Neuerscheinungen, dass ich hiermit weiteren Leser*inne*n ans Herz lege.“ (Sigrun Hintzen)


Und hier fünf Fragen an Minna Rytisalo:

Frau Rytisalo, „Lempi, das heißt Liebe“ ist Ihr Romandebüt. Was war Ihr Ausgangspunkt und wie lange haben Sie an dem Buch gearbeitet?

Ich wurde vierzig und dachte, es wäre Zeit, etwas zu tun, was ich mein ganzes Leben hätte tun sollen. Die Handlung habe ich mir ausgedacht, während ich Schularbeiten beaufsichtigte (ich bin Gymnasiallehrerin), und es ging alles ziemlich schnell. Im Mai 2015 begann ich zu schreiben, im Januar 2016 habe ich den Vertrag unterzeichnet, und im Juli desselben Jahres erschien das Buch.
Ich hatte zuvor keine fiktionalen Texte geschrieben, aber ich hatte einen eigenen Buch-Blog und eine Kolumne in unserer Zeitung. Statt zu schreiben, habe ich immer gelesen. Das Lesen war tatsächlich meine Schreibschule.

Drei Figuren des Romans erzählen Lempis Geschichte: Viljami, Elli und Sisko. Können Sie diese Figuren und ihre Stimmen mit wenigen Worten charakterisieren?

Ich wollte für jede dieser drei Figuren eine je eigene Stimme finden, diese Herausforderung habe ich mir selbst gestellt. Viljami ist krank vor Liebe, die Sehnsucht nach seiner verschwundenen Frau überwältigt ihn. Er spricht in langen, poetischen Sätzen. Sein Kummer ist so groß, dass er ihn fast erdrückt. Elli, die zweite Erzählstimme, ist die Magd von Viljami und seiner Frau Lempi, und sie ist voller Eifersucht und Hass. Sie spricht in kurzen Sätzen, mit einer leidenschaftlichen, leicht erregbaren Stimme. Sie redet wie eine einfache Frau, aber ohne Dialekt. Die dritte Stimme ist Lempis Schwester Sisko, die das Geschehen aus großem zeitlichem Abstand betrachtet. Jahrzehnte später hat sie sich mit ihrer Vergangenheit ausgesöhnt und spricht undramatisch, neutral, ohne Gefühlsüberschwang darüber.

Wir sehen Lempi nur durch die Augen dieser drei Figuren. Wer ist sie?

Sie zeigt uns, dass wir einander nie vollständig sehen können. Sie selbst hat keine eigene Stimme in dem Buch, sie wird nur von den anderen interpretiert – sie ist ein Rätsel, das sich nicht vollständig auflösen lässt.

Der Roman hat eine große emotionale Kraft – da gibt es Liebe, Eifersucht, Lebenshunger – und zugleich diese raffinierte Erzählstruktur. Wie sind Sie beim Schreiben vorgegangen?

Ich finde die Art, wie eine Geschichte erzählt wird, viel interessanter als die Geschichte selbst. Ich wollte in allen drei Teilen des Buchs eine Spannung erzeugen, aber das Faszinierendste für mich sind der Stil und die Schattierungen und Töne der Sprache.

Der Roman spielt vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs in Lappland und wir erfahren einiges über die finnisch-deutsche Geschichte. Was bedeutet dieser historische Background für Sie?

Großmutter hat mir davon erzählt, wie sie ihr Zuhause verlassen und fliehen mussten, als der Lapplandkrieg mit Deutschland begann. Sie erzählte mir, wie hart und schrecklich es war, in das verbrannte Dorf zurückzukehren. Ich verbrachte meine Kindheit zwischen sichtbaren Zeichen des Krieges: Da gab es einen alten Keller und eine alte Sauna, von denen jeder wusste, sie hatten den Brand in unserem Dorf überstanden; meinem Großvater fehlte an einer Hand ein Finger, und er wollte nie über seine Erfahrungen auf dem Schlachtfeld sprechen. Aber was in Lempi erzählt wird, stammt nicht von meiner Familie, sondern aus meiner Fantasie.
Ich wusste auch immer, dass finnische Frauen sich mit deutschen Soldaten in Lappland eingelassen hatten, der Dokumentarfilm Auf Wiedersehen, Finnland (2010) von Virpi Suutari hat mich stark beeindruckt. Der dramatische Moment, in dem aus deutschen Freunden und Geliebten in einer Nacht Feinde wurden, ist ein sehr interessanter Augenblick unserer Geschichte.