Neuauflage von Georg Forsters „Ansichten vom Niederrhein“ in einem opulenten Prachtband

» Gepostet am 5 Jan, 2017 in Tipps | Keine Kommentare

Neuauflage von Georg Forsters „Ansichten vom Niederrhein“ in einem opulenten Prachtband

„Mehr hat man doch nicht, als was einem durch diese zwei Oeffnungen der Pupille fällt und die Schwingungen des Gehirns erregt. Anders als so nehmen wir die Welt und ihr Wesen nicht auf.“ – Georg Forster

Georg Forster
Ansichten vom Niederrhein, von Brabant, Flandern, Holland, England und Frankreich
im April, Mai und Juni 1790

Mit einem Vorwort von Jürgen Goldstein
Die Andere Bibliothek
480 S., Einband mit Buchschlaufe, mit Illustrationen und einem mit einer Landkarte bedruckten Vor- und Nachsatzpapier, Fadenheftung, Lesebändchen. Buchgestalterin: Paulina Pysz
79,00 EUR

„Georg Forster unternahm im Frühjahr 1790, begleitet (!) vom noch jungen Alexander von Humboldt, eine Reise, die ihn vom Rheingau nach Ehrenbreitstein, Köln, Düsseldorf über Aachen u. a. nach Lüttich und Brüssel, in die Niederlande nach England und schließlich nach Paris führte. In seinem dreibändig erschienenen Werk hat er seine Beobachtungen festgehalten. Ansichten vom Niederrhein stand lange im Schatten seiner epochalen Voyage Round The World, der Reise um die Welt, die er als erst zwanzigjähriger Begleiter der zweiten Weltumsegelung von Captain Cook 1775/1776 verfasst hatte. Doch dieselbe Stilsicherheit, dieselbe Beobachtungsgabe kommen auch in den Ansichten von Niederrhein zum Tragen – geschärft um die Erfahrung in Forschung, Lehre und politischem Engagement, die sich Georg Forster in den 15 Jahren, die zwischen beiden Reisebüchern liegen, erworben hat.

Anders als noch auf der Cook-Expedition, war das Hauptanliegen Forsters nicht botanisch präzise und zoologisch exakte Beschreibungen noch unbekannter Arten von Tieren und Pflanzen. Seine Meisterschaft liegt neben der Beschreibung der vertrauten Landschaft nordeuropäischer Niederungen und der Landessitten der Bevölkerung in der bestechenden Beobachtung des ökonomischen Zustands und der vergleichenden Betrachtung der politischen Verfasstheit der bereisten Staaten. Richtungsweisend war Forsters Bericht auch in ästhetischer Hinsicht: Mit der Vielzahl präziser und brillant geschriebener Beschreibungen von Architektur und vor allem Kunst hat er der noch jungen Disziplin der Kunstgeschichte in ihren Anfängen geholfen und ihr sogleich das Vorbild eines mustergültigen Stils mitgegeben.“ (Die Andere Bibliothek)

 

Oliver Pfohlmann/WDR zu diesem Buch:

Naturforscher und Ethnologe

Georg Forster war gewiss nicht leicht aus der Fassung zu bringen. Schließlich hatte der Naturforscher und Ethnologe mehr gesehen als die meisten Europäer des späten 18. Jahrhunderts: Eisberge und paradiesische Sandstrände, Vulkane und Tornados, ja sogar waschechte Kannibalen. Beim Anblick einer jungen Frau in den Straßen von Amsterdam, im Frühjahr 1790, stockte dem Weltreisenden aber doch der Atem: So bizarr erschien ihm, was die „Dirne“, wie man damals sagte, so alles an oder auf ihrem Kopf trug, wie spiralförmige Schlangen aus Silberdraht an den Schläfen und an den Ohren Anhänger, die wie „kleine Vorhängeschlösser“ aussahen.

„Nicht wahr? man muß außerordentlich schön seyn, um es in diesem Wilden-schmuck noch zu bleiben? Wäre diese Dirne einem Reisenden in Ost- oder Westindien begegnet, so hätte er ihren barbarischen Kopfputz einer Abbildung werth geachtet und über das Ungeheure und Abentheuerliche im Geschmack der ungebildeten Völker lang und breit disserirt; denn wir bedenken nie, wie ähnlich wir den Wilden sind.

Ein Aufklärer & politische Umbrüche

Wie gering die Kluft zwischen den sogenannten „Wilden“ und den Europäern war, hatte Forster bereits erlebt, als er unter James Cook drei Jahre lang die Welt umsegelte. Als zum Beispiel die Menschenfresser auf Neuseeland vor den Augen der Besucher stolz ihr Leibgericht zubereiteten, ekelten sich durchaus nicht alle Mitglieder von Cooks Mannschaft. Einige hätten plötzlich „Lust … mit anzubeißen“ bekommen, betonte Georg Forster in seinem Hauptwerk „Reise um die Welt“ – und schrieb nicht nur mit dieser Beobachtung beharrlich gegen eurozentrische Vorurteile an.

Georg Forster

Auch sein letztes Buch, die „Ansichten vom Niederrhein“, wurde von aufklärerischen Intentionen gespeist. Aber auch von handfest politischen. Welche, das erläutert Jürgen Goldstein im Vorwort einer opulenten, großformatigen Neuausgabe von Forsters lange vergessenem, letztem Reisebericht. Treffend bezeichnet der preisgekrönte Forster-Biograf darin die „Ansichten“ als „trojanisches Pferd“. Lässt doch der harmlos klingende Titel eher Landschaftsbeschreibungen vermuten als ein Werk, das dem Leser die politischen Umbrüche seiner Zeit nahebringen wollte. Tatsächlich waren weder der Zeitpunkt der Reise, das Frühjahr 1790, noch ihre Ziele zufällig gewählt.

Humboldt in jungen Jahren

Nur ein Jahr nach dem bedeutendsten Ereignis der Epoche, der französischen Revolution, waren auch Frankreichs Nachbarländer vom Revolutionsfieber gepackt. Forster und sein Begleiter – kein Geringerer als der junge Alexander von Humboldt – konnten das vor Ort eingehend beobachten:

„In den Wirthshäusern und Kaffeehäusern sahen wir fleißige Zeitungsleser, und selbst der gemeine Mann politisirte bei seiner Flasche Bier von den Rechten der Menschheit, und allen den neuen Gegenständen des Nachdenkens, die seit einem Zeitabschnitte von ein paar Jahren endlich auch auf dem festen Lande in Umlauf gekommen sind.“

Reisestationen

Allerdings bot sich Georg Forster auf seiner Reise ein recht heterogenes Bild: Zwar befanden sich brabantische Städte wie Lüttich oder Brüssel mitten im Umbruch. Aber gerade auf deutschem Gebiet herrschte noch dunkelste Despotie. Dominierte in den Aufstandsgebieten Aufbruchsstimmung und Geschäftigkeit, so wurden hierzulande Leben und Wirtschaft noch erstickt von Adel und Kirche. Wie in Köln, einer der ersten Stationen auf Forsters Reise, das auf den Ethnologen einen besonders finsteren Eindruck machte, schon weil er auf den Straßen anstelle regsamer Bürger nur Scharen von Bettlern sah:

„Bekanntlich geht die Unsittlichkeit der Bettler in Kölln so weit, dass sie den Müßiggang systematisch treiben und ihre Plätze an den Kirchthüren erblich hinterlassen oder zum Heirathsgut ihrer Tochter schlagen. Das sicherste Zeichen eines zerrütteten, schlecht eingerichteten, kranken Staats hat man immer daran, wenn er eine große Menge Müßiggänger nährt.“

Von der „Natürlichkeit“ der Revolution

Fortschrittsbremsen wie die Kirche nannte Forster erstaunlich offen beim Namen. Auch an anderen Stellen seines Buches dürfte dem zeitgenössischen Leser der Atem gestockt haben: wenn der Weltreisende von der „Natürlichkeit“ der Revolution schreibt oder dass sich manche Veränderungen eben doch nur mit Gewalt durchsetzen ließen. Leser wie Goethe oder Lichtenberg lobten zwar das Werk, von der Kritik wurde es jedoch totgeschwiegen. Dabei hatte sich Forster durchaus bemüht, seine Leser nicht zu sehr zu beunruhigen, etwa mit dem Hinweis, in Deutschland lasse die Revolution noch „vielleicht tausend Jahre“ auf sich warten. Von wegen: Forster hatte seine „Ansichten“ noch gar nicht beendet, da wurde Mainz, wo sich der große Forscher als Bibliothekar verdingen musste, von französischen Truppen besetzt. Und Georg Forster, ein Jahr vor seinem Tod, als Präsident des Jakobinerclubs Mitbegründer der Mainzer Republik, der ersten Republik auf deutschem Boden…

Die prachtvolle, reich illustrierte Neuausgabe seiner „Ansichten“ ermöglicht nun eine ebenso aufregende wie facettenreiche Zeitreise in die Ära der neuen Freiheit, mit vielen Beobachtungen und Reflexionen: zu Kunst, Wissenschaft, Ökonomie, Kultur, Politik – ja sogar zum „Kopfputz“ junger Holländerinnen…

(Buchrezension WDR1, 28. Oktober 2016)