Lese(r) Tipps

Rey Curtis „Cloris“

Gepostet von am 4 Nov, 2020 in Tipps | Keine Kommentare

Rey Curtis „Cloris“

Das literarische Debüt des jungen Amerikaners Rye Curtis ist ein Abenteuerroman der Extraklasse:

„Nachdem sie auf wundersame Weise einen Flugzeugabsturz überlebt hat, muss sich die zweiundsiebzigjährige Texanerin Cloris Waldrip durch die unbarmherzige Wildnis der Bitterroot Mountains im Norden der USA schlagen – ausgerüstet mit einem einzelnen Stiefel, einer Bibel und ein paar Karamellbonbons. Aber jemand scheint eine schützende Hand über Cloris zu halten. Ist sie doch nicht allein?
Rangerin Debra Lewis hat sich von ihrem Mann scheiden lassen, der in drei verschiedenen Bundesstaaten mit drei verschiedenen Frauen verheiratet war. Nun trinkt sie Merlot, um durch den Tag zu kommen. Als sie ein rätselhafter Notruf erreicht, ist Rangerin Lewis die Einzige, die an das Überleben von Cloris glaubt. Trotz der Aussichtslosigkeit des Unterfangens macht sie sich gemeinsam mit einer Gruppe verschrobener «Friends of the Forest» auf die Suche nach dem abgestürzten Flugzeug und der Vermissten.
Rye Curtis` kauzige Figuren kämpfen sich in dieser ungewöhnlichen Abenteuergeschichte mit Lebensklugheit und Mut durch die Wildnis und sehen am Ende mit einem neuen Blick auf ihr altes Leben.  “ (C.H. Beck Verlag)

Rey Curtis, „Cloris“, C.H.Beck Verlag, 352 Seiten, 24,– €

Thomas Hettche „Herzfaden“

Gepostet von am 4 Nov, 2020 in Tipps | Keine Kommentare

Thomas Hettche „Herzfaden“

„So poetisch wie genau erzählt Thomas Hettche die Geschichteder ‚Augsburger Puppenkiste‘. Eine Familiengeschichte aus der Zeit nach dem Kriege, und eine literarische Hommage an Michael Ende.“ (Eckard Erdmann)

Ein großer Roman über ein kleines Theater:

Ein zwölfjähriges Mädchen gerät nach einer Vorstellung der Augsburger Puppenkiste durch eine verborgene Tür auf einen märchenhaften Dachboden, auf dem viele Freunde warten: die Prinzessin Li Si, Kater Mikesch, Lukas, der Lokomotivführer. Vor allem aber die Frau, die all diese Marionetten geschnitzt hat und nun ihre Geschichte erzählt. Es ist die Geschichte eines einmaligen Theaters und der Familie, die es gegründet und berühmt gemacht hat. Sie beginnt im 2. Weltkrieg, als Walter Oehmichen, ein Schauspieler des Augsburger Stadttheaters, in der Gefangenschaft einen Puppenschnitzer kennenlernt und für die eigene Familie ein Marionettentheater baut. In der Bombennacht 1944 verbrennt es zu Schutt und Asche. »Herzfaden« erzählt von der Kraft der Fantasie in dunkler Zeit und von der Wiedergeburt dieses Theaters. Nach dem Krieg gibt Walters Tochter Hatü in der Augsburger Puppenkiste Waisenkindern wie dem Urmel und kleinen Helden wie Kalle Wirsch ein Gesicht. Generationen von Kindern sind mit ihren Marionetten aufgewachsen. Die Augsburger Puppenkiste gehört zur DNA dieses Landes, seit in der ersten TV-Serie im westdeutschen Fernsehen erstmals Jim Knopf auf den Bildschirmen erschien. (Verlag Kiepenheuer & Witsch)

Thomas Hettche „Herzfaden“, Verlag Kiepenheuer & Witsch, 24,– €

Téa Obreht „Herzland“

Gepostet von am 4 Nov, 2020 in Tipps | Keine Kommentare

Téa Obreht „Herzland“

Ariozona 1890, ein „Western“, eine amerikanische Siedlergeschichte:

„Téa Obreht erzählt in ihrer bildhaft leuchtenden, einzigartigen Sprache den amerikanischen Gründungsmythos neu. «Herzland» zeigt die Siedlerzeit mit all ihrer Härte und zugleich einen schillernden, unbekannten Wilden Westen – in dem die Konflikte des heutigen Amerika schon aufscheinen.“ (Rowohlt Verlag)

Diese Buch ist herausragend, wie „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel Carcia Marquez. Es wurde hochgelobt vom amerikanischen Ex-Präsidenten Barack Obama ( – und von mir, dem Buchhändler Eckard Erdmann!).

Téa Obreht „Herzland“, Rowohlt Berlin, 512 Seiten, 34 €

Christoph Nußbaumeder „Die Unverhofften“

Gepostet von am 2 Nov, 2020 in Tipps | Keine Kommentare

Christoph Nußbaumeder „Die Unverhofften“

Das Romandebüt dieses Stückeschreibers aus Bayern:

„In seinem ersten Roman, Die Unverhofften, erzählt der preisgekrönte Dramatiker Christoph Nußbaumeder eine packende und berührende Familiensaga über vier Generationen; ein Sozial- und Aufsteigerepos, das die Verteilungskämpfe und Widerstandsbewegungen eines ganzen Jahrhunderts bis in die unmittelbare Gegenwart verhandelt und gleichzeitig den ewigen Treibstoff der großen Menschheitsdramen anschaulich macht: Liebe, Verrat und das unstillbare Bedürfnis des Menschen nach Anerkennung.“ (Suhrkamp Verlag)

Zum Inhalt:

Spätsommer 1900 im Bayerischen Wald. Die junge Arbeiterin Maria blickt von einer Anhöhe herab auf ihr Dorf. Die Glasfabrik, die den Menschen hier Arbeit gibt, steht in Flammen. Maria selbst hat das Feuer gelegt aus Rache für eine ungesühnt gebliebene Vergewaltigung. In dieser verheerenden Brandnacht nimmt die Geschichte einer Familie ihren Ausgang, in deren Zentrum der Aufstieg Georg Schatzschneiders, unehelicher Sohn einer Magd, zum Lenker eines Großkonzerns steht. Doch wo vordergründig unbändiger Ehrgeiz und unternehmerischer Instinkt zu den Erfolgsgaranten einer atemberaubenden Karriere im erst noch geteilten, dann wiedervereinigten Deutschland werden, begleicht im Hintergrund Generation um Generation dieser Familie eine große, aus einer Notlüge entstandene Schuld, die die Vorfahren Georgs auf sich geladen haben. (Suhrkamp Verlag)

„Ein großartiger Roman“ (Eckard Erdmann)

Christoph Nußbaumeder, Die Unverhofften, Suhrkamp Verlag, 25 €

Pénélope Bagieu „California dreamin'“

Gepostet von am 2 Nov, 2020 in Tipps | Keine Kommentare

Pénélope Bagieu „California dreamin'“

Die Lebensgeschichte der Sängerin Cass Elliot, „The MAMAs & THE PAPAs“, Tochter jüdischer Emigranten, kommt Anfang der 60er Jahre nach New York und zieht mit ihrer großartigen Stimme und ihrer exzentrischen Persönlichkeit die Musikwelt in ihren Bann. Penelope Bagieus Bleistiftzeichnungen vermitteln ein lebendiges Bild dieser schrägen, lauten, aber auch mutigen uns sensiblen Frau….

Pénélope Bagieu, California dreamin‘, aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock, Handletterin von Olaf Korth, Reprodukt Verlag, 24,– €

Sophy Roberts „Sibiriens vergessene Klaviere“

Gepostet von am 2 Nov, 2020 in Tipps | Keine Kommentare

Sophy Roberts „Sibiriens vergessene Klaviere“

Welche bedeutende Rolle in Sibirien („das Gefängnis ohne Dach“) ausgerechnet das Klavier als Symbol europäischer Kultur spielt, zeit Sophy Roberts auf ihrer Spurensuche. Diese führt tief in die Geschichte und erzählt von der Gegenwart:

„Sibirien, das ist unerbittliche Kälte und enorme Weite. Sibirien, dieses Gefängnis ohne Dach, ist aber ebenso von verblüffender Schönheit. Welch bedeutende Rolle ausgerechnet hier Klaviere als Symbol europäischer Kultur spielen, zeigt die Britin Sophy Roberts auf ihrer extravaganten Spurensuche. Dabei gelingt es ihr nicht nur, zahlreiche einst berühmte Instrumente zwischen dem Ural und der Insel Sachalin ausfindig zu machen, sondern auch ihre Geschichten zu rekonstruieren: von der Pianomanie der Zarenzeit bis zur Leidenschaft des Lotsen der Aeroflot, von der sowjetischen Manufaktur „Roter Oktober“ bis zur jungen mongolischen Pianistin Odgorel, die in ihrer Jurte Bach spielt.“ (Hanser Verlag)

Ein ungewöhnliches, außergewöhnliches Buch. Eine Reise durch „Exil, Musik und Landschaft“ (Edmund de Waal)

Sophy Roberts, Sibiriens vergessene Klaviere, Hanser Verlag, 26 €

Sjón „CoDex 1962“

Gepostet von am 2 Nov, 2020 in Tipps | Keine Kommentare

Sjón „CoDex 1962“

Über 20 Jahre schrieb der isländische Lyriker, Songwriter und Romanautor an diesem Kunstwerk. In dieser Trilogie zieht Sjón alle Register: Liebesgeschichte – Kriminalgeschichte – Science-Fiction: „Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs begegnen sich in einem norddeutschen Gasthof das Zimmermädchen Marie-Sophie und der jüdische Flüchtling Leo Löwe, mit dabei ein Lehmklumpen. Aus diesem erschafft Leo das gemeinsame Kind Josef, da ist die Familie aber schon längst in Island, und wir sind bereits im Jahr 1962, dem Geburtsjahr des Autors Sjón. Der große isländische Erzähler entführt uns in ein unendliches Vexierspiel, in dem vieles Rätsel ist und bleibt und anderes sich auf geniale Weise zusammenfügt. CoDex 1962 ist eine isländische »Tausendundeine Nacht«, eine Wundertüte an Geschichten.“ (Fischer Verlag)

„Ein durchgeknalltes Märchen für Erwachsene.“ (Eckard Erdmann)

Sjon, CoDex 1962, Fischer Verlag, 32 €

Über Nederlanders & Deutsche: „Lekker anders“ von Anouk Ellen Susan

Gepostet von am 21 Okt, 2020 in Tipps | Keine Kommentare

Über Nederlanders & Deutsche: „Lekker anders“ von Anouk Ellen Susan

Noch ein Buch über das deutsch-niederländische Verhältnis, die Unterschiede zwischen beiden Völkchen, die Fettnäpfchen im Umgang miteinander? Aber ja! Es kommt grafisch frisch in weiß/oranje daher und ist von einer Autorin geschrieben, die „es wissen muss“: Anouk Ellen Susan arbeitet seit 25 Jahren im deutsch-niederländischen Kontext, für Firmen, selbständig, war u.a. lange Leiterin des Niederländischen Büros für Tourismus und Convention in Köln, gibt Vorträge und Workshops in beiden Ländern. Sie bezeichnet sich selbst als „Niederländerin mit deutschem Herzen und Deutsche mit niederländischer Seele und umgekehrt“.

In ihrem Buch „Lekker anders. Deutsche und Niederländer, Freunde mit Eigenarten“ (mediamixx GmbH 2020, 14.95€) schreibt sie über die beiden Kulturen und ihre Stereotypen, über Wirtschaft, Freizeit und Business-Kontext. Natürlich fehlen auch hier das Königshaus nicht und auch nicht die Tulpenmanie. Aber auch die Digitalisierung und das Fluchen kommen vor…

Das Besondere an diesem Buch: es ist zweisprachig, man muss es nur umdrehen, um auf Deutsch oder op Nederlands zu beginnen. Aber auch darüber hinaus ist das Buch erfrischend, eben „lekker anders“ – und (nicht nur) uns Menschen hier im Grenzgebiet zur Lektüre sehr zu empfehlen!

Foto: www.anoukellensusan.de

David Grossmann: „Nina“

Gepostet von am 18 Aug, 2020 in Tipps | Keine Kommentare

David Grossmann: „Nina“

David Grossman: „Was Nina wusste“
übersetzt aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer
Hanser Verlag € 25,00

Zum Inhalt:

Vera, ist neunzig, Nina um die Sechzig, Gili Mitte dreißig. Großmutter, Tochter und Enkelin. Veras Geburtstag wird im Kibbuz gefeiert, Lobesreden über die alte Dame gehalten. Auch Vera erklärt ihre große Dankbarkeit einer Familie, die ihr trotz ihr trotz Herkunft und Anderssein damals eine Heimat gegeben hat. Vera kam aus Jugoslawien, ohne Mann mit ihrer Tochter Nina, heiratet wieder und wird Stiefmutter dreier Kinder. Vera hat eine schwere Zeit hinter sich. Ihr damaliger Mann wurde als Verräter verhaftet, beging Selbstmord, sie wurde auf einer Gefängnisinsel interniert.
Nina, ihre Tochter, heiratet Rafael, Veras Stiefsohn, verlässt Mann und Kind. Sie geht nach New York, da ist Nina gerade mal zwei Jahre alt.
Gili ist Filmemacherin wie ihr Vater. Am Abend des Geburtstages beschließen sie einen Film über das Leben der Großmutter zu drehen und gemeinsam nach Kroatien auf die ehemalige Gefängnisinsel Goli Otok zu fahren. Dort soll Vera endlich einmal alles erzählen. Was genau geschah damals, als sie von der jugoslawischen Geheimpolizei unter Tito verhaftet wurde? Warum war sie bereit, ihre sechseinhalbjährige Tochter wegzugeben und ins Lager zu gehen, anstatt sich durch ein Geständnis freizukaufen?
Es ist die Geschichte dreier Frauen, von denen jede Wunden des Verlassenseins und des Verrats in der Seele trägt. Jede ist unfähig darüber zu reden, und zwischen den drei Frauen stehen unsichtbare Mauern, die während dieser Reise zu bröckeln beginnen.
Der neue Roman von David Grossman beruht auf einer wahren Geschichte. Nicht nur aus diesem Grund geht er unter die Haut. Er ist inhaltlich UND sprachlich sehr ergreifend. Und keineswegs „nur“ ein Frauenroman. (Sigrun Hintzen)

Zum Autor:

David Grossman wurde 1954 in Jerusalem geboren und gehört zu den bedeutendsten Schriftstellern der israelischen Gegenwartsliteratur. 2008 erhielt er den Geschwister-Scholl-Preis, 2010 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 2017 den internationalen Man-Booker-Preis für seinen Roman Kommt ein Pferd in die Bar. Bei Hanser erschienen zuletzt Diesen Krieg kann keiner gewinnen (2003), Das Gedächtnis der Haut (2004), Die Kraft zur Korrektur (2008), Eine Frau flieht vor einer Nachricht (Roman, 2009), Die Umarmung (2012), Aus der Zeit fallen (2013), Kommt ein Pferd in die Bar (Roman, 2016), Die Sonnenprinzessin (2016),  Eine Taube erschießen (Reden und Essays, 2018) und Was Nina wusste (2020). (Quelle: Hanser Verlag)

Von der Titel-Seite des Hanser Verlages:

5 Fragen an David Grossman

Wie ist der Stoff für diesen Roman zu Ihnen gekommen? Was Nina wusste beruht ja auf einer realen Lebensgeschichte …
Die Geschichte hat Eva Panic-Nahir mir selbst erzählt – langsam, nach und nach, während der zwanzig Jahre, in denen wir eng befreundet waren. Schon als sie mit der eigenen Hartnäckigkeit, stürmisch und emotional in mein Leben platzte, wusste ich, sie hat eine Lebensgeschichte zu erzählen und die Geschichte einer Liebe, wie ich sie bisher nicht gehört habe. Trotzdem sind zwanzig Jahre vergangen, bis ich das Gefühl hatte, dass ich darüber schreiben kann.
„Liebe Eva“, sagte ich ihr jedesmal, wenn sie mich fragte, ob ich schon angefangen hätte zu schreiben, „ich werde die Geschichte nicht genauso schreiben, wie du sie mir erzählt hast. Ich dokumentiere ja nicht, ich bin ein Schriftsteller, der Fiktion schreibt. Ich muss das, was existiert, selbst erfinden. Ich werde mir deine Geschichte, dich und Nina und Gili, deine Enkelin, vorstellen. Und dann werde ich die Geschichte von einem Punkt aus schreiben, an dem du, die Heldin der Geschichte, nicht sein kannst.“
Das Buch erschien erst, nachdem Eva im Alter von siebenundneunzig Jahren gestorben war. Ich hoffe, ich bin ihr, ihrer Komplexität und den Widersprüchen in ihrer Person treu geblieben.

Es geht um drei Frauen, drei Generationen: Vera, die Großmutter, Nina, die Tochter, und Gili, die Enkelin. Wie wichtig ist die Idee der Familie für Ihren Roman?
Fast alle meine Bücher handeln von Familien und der Wucht ihrer Geschichten. Ich denke, die größten Dramen der Menschheit finden in der Familie statt. In diesem Buch ist die Familie der Ort, an dem wir die ursprünglichsten und stärksten Gefühle von drei Frauen ganz nah erleben, von drei Generationen, die kaum anders können als einander zu verletzen, doch die Beziehung zwischen ihnen ist auch der Ort, an dem der Prozess der Heilung und der Genesung beginnen wird.

Vera wurde in den Fünfzigerjahren auf die Gefängnisinsel Goli Otok verbannt. Sie ist daran nicht zerbrochen. Wie war das möglich?
Die Insel Goli Otok in Kroatien ist einer der entsetzlichsten Orte auf der Welt. Sie ist hässlich, wie nur Gewalt hässlich sein kann. Nur sehr wenige der Menschen, die dort als Gefangene oder als Aufseher waren, haben ihre Menschlichkeit bewahrt. Eva Pani?-Nahir – die Vera meines Romans – ist bei den Verhören und bei der Zwangsarbeit nicht zerbrochen. Sie hat niemanden denunziert und niemanden ausgeliefert. Mehr noch, als sie mit ihrem Körper, mit dem Schatten, den ihr kleiner Körper warf, eine kleine Pflanze beschützte, die einzige, die auf dieser nackten Insel wuchs, spürte sie in sich einen Quell der Güte, des Beschützens und sogar der Mütterlichkeit, einer Mütterlichkeit, die sie ihrer Tochter nicht entgegengebracht hat. Das große Wunder ihrer Lebensgeschichte und der Geschichte des Lebens ihrer Tochter sind für mich nicht die Jahre, die Eva in dem „Umerziehungslager“ Goli Otok verbrachte, sondern die Jahre danach: ihre Fähigkeit, ins Leben zurückzukehren, mit Kraft und Leidenschaft am Leben festzuhalten und weiterhin an den Menschen zu glauben.

Viele Jahre später reisen die drei Frauen nach Goli Otok, und zum ersten Mal erzählt Vera ihrer Tochter, wie es dazu kam, dass sie Nina als Kind weggegeben hat und selbst in die Verbannung ging. Gibt es im Roman etwas wie eine Versöhnung?

Ich glaube sehr ans Geschichtenerzählen, daran, dass die Kraft der Geschichte den Menschen, der sie erzählt, verändert. Das hängt natürlich auch von dem ab, der sie hört. Der aufmerksame, aktive Zuhörer kann die lebendige, wahre Geschichte aus sich selbst gebären, eine Geschichte, die eben nicht dem Aufsagen eines Textes gleicht, den wir schon dutzende Male gehört haben. Und dann kann es passieren, dass etwas, was hart und erstarrt war, sich aufzuweichen und flexibel zu werden beginnt, und plötzlich spüren wir, dass wir nicht das hilflose Opfer einer Geschichte bleiben müssen, in der wir viele Jahre lang gefangen waren. Einer Geschichte, die auf eine Realität zutraf, in der wir längst nicht mehr leben. Ich habe den Eindruck, genau das passiert in meiner Geschichte, als Vera ihrer Tochter Nina die Geschichte erzählt, die für sie beide Gefängnis und Strafkolonie gewesen ist.

Wie war es für Sie als Mann, aus der Perspektive einer Frau zu schreiben, genauer, aus der Perspektive von drei Frauen?
Jede der drei Frauen in der Geschichte hat nicht nur ihre eigene äußere und innere Welt, sondern auch ihre eigene Sprache und ihren eigenen Ton. Aber ich glaube oder hoffe, dass es in jedem von uns unendlich viele Möglichkeiten gibt, in der Welt zu leben. In jedem Mann gibt es eine Frau oder mehrere Frauen, in jeder Frau gibt es einen Mann oder mehrere Männer … Leider verengen wir die Fülle dieser vielen Möglichkeiten aus Angst oder Scham, aus der Notwendigkeit heraus, als „ein“ Mensch effektiv zu handeln. Für mich ist es eines der wunderbaren Dinge des Schreibens, mich nicht länger gegen diese Fülle zu wehren. Mich nicht vor ihr zu fürchten. Mich den verschiedenen Figuren, die uns bevölkern, hinzugeben … mich mit meinem ganzen Sein ihnen und ihrer Geschichte hinzugeben.

Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer

Robert Seethaler: „Der letzte Satz“, Hanser Verlag

Gepostet von am 13 Aug, 2020 in Tipps | Keine Kommentare

Robert Seethaler: „Der letzte Satz“, Hanser Verlag
An Deck eines Schiffes von New York nach Europa sitzt Gustav Mahler, schaut fiebrig auf das Meer und die Wolken; es ist seine letzte Reise. Er ist berühmt, der große Musiker, doch sein Körper schmerzt wie so immer. Mahler weiß, dass er sterben wird. Während ihn ein Schiffsjunge mit Tee und Decken versorgt, denkt er zurück an die letzten Jahre, seine Liebe zur Musik, die Sommer in den Bergen, den Tod seiner Tochter Maria, die er in seinem Fieberwahn manchmal wieder zu sehen meint. An Anna, die andere Tochter, die gerade unten beim Frühstück sitzt, und an Alma, die Liebe seines Lebens, die ihn verrückt macht und die er an einen anderen Mann (an Walter Gropius, den „Baumeister“) verloren hat.
„Der letzte Satz“ ist das ergreifende Porträt eines Künstlers als müde gewordener Mann, dem die Vergangenheit in Form glasklarer Momente der Schönheit und des Bedauerns entgegentritt. Sprachlich gestochen scharf und doch mit einer rhetorischen Sanftheit, die ihresgleichen sucht. Was für eine Novelle!

Robert Seethaler, geboren 1966 in Wien, ist ein vielfach ausgezeichneter Schriftsteller und Drehbuchautor. Seine Romane „Der Trafikant“ (2012) und „Ein ganzes Leben“ (2014) wurden zu großen internationalen Publikumserfolgen. 2018 ist sein Roman „Das Feld“ erschienen. Robert Seethaler lebt in Wien und Berlin.

Hanser Verlag, 128 Seiten, € 19,-